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SINGapura! - ein Gesprächskonzert

Majulah SINGapura! - Vorwärts Singapur!

Singapur ist heute ein buntes, wirres Potpourri, das aus unterschiedlichen Kulturen, Sprachen sowie verschiedenen Historien besteht. 

Chápalàng!- so würden wir es sagen.

   Schild mit “Rauchen Verboten” auf vier Sprachen, was überall zu sehen ist. 

Schild mit “Rauchen Verboten” auf vier Sprachen, was überall zu sehen ist. 

Sowohl ein unabhängiges Land als auch eine Stadt, Singapur ist bekannt durch seine Wirtschaftskraft, den Flughafen, unseren allerersten Premierminister Lee Kuan Yew, die Ordnung der Regierung und Bevölkerung, die Strenge z.B. Verbot von Kaugummis und die Todesstrafe ;) 

Die britische Besetzung vor und nach dem zweiten Weltkrieg hat viele Spuren hinterlassen – Singapurs Schulbildungssystem ist auf das britische System aufgebaut, sowie die juristische Staatsverfassung. Um eine gemeinsame Ausbildung mit allen ethnischen Gruppen zu ermöglichen, wird in der Schule auf Englisch unterrichtet, was auch die staatliche Amtsprache ist. Wie in allen Ländern wurde auch eine Umgangsprache, Singlish, entwickelt. Sie ist eine verwirrende Mischung aus den vier Sprachen und allen möglichen Dialekten und es wurde eine Zeit lang von der Regierung stark dagegen gekämpft, um die richtige Sprech- und Schreibweise der verschiedenen Sprachen zu erziehen. 

 

 


SPUREN DER BRITISCHEN KOLONISIERUNG

II Americ GOH –  aus Winter Songs + Night Songs (2010) ||

(C) LIM YEW KUAN - Winter Fall (1960)

Es ist daher kein Wunder, dass der Komponist Americ Goh sich Gedichte vom britischen Dichter D.H Lawrence für seine Lieder ausgesucht hat. Auf Initiative von Herrn Schulze wurde Americ von der Hochschule eingeladen, aus Graz (wo er studiert) nach Hannover zu fahren, um mit uns seine Musik zu bearbeiten. Es war eine spannende Woche, in der wir viel über Americs Gedanken und seinen Kompositionsablauf persönlich erfahren durften, anschließend auch seine musikalische Anregungen und Impulse.

Das erste Lied, "Winter in the Boulevard", ist stimmungsvoll und voller Textmalerei. Americ hat sich intuitiv auf die Worte in Lawrences Gedicht bezogen, und darauf reagiert. Die Worte, die sich Lawrence ausgesucht hat, um solche Stimmung zu erzeugen, sind von allein so effektvoll, dass Americ sie in dieser einfachen Schönheit malen wollte. "Winter in the Boulevard" fängt an mit weit entfernten, fast störenden Tönen, die wie leise Tropfen nachklingen. Schwebend über diesen Tönen tanzt die Singstimme mit schwungvollen Gesten. Die beiden Linien entwickeln sich nach und nach und sind perfekt aufeinander bezogen.

 

Manche Gefühle, die von Lawrences Worten und Americs Vertonung bestimmt sind, kann man in Singapur nicht verstehen. Singapur liegt genau am Äquator und erlebt deswegen keine Jahreszeiten.  Es ist immer ein Wunder für uns, den Schnee und die stille Wintertagen zu erleben, blühende Blumen zu sehen, und durch die großen Haufen der goldenen Blätter des Herbstes zu laufen. All dies erzeugt eine fremde Welt von Emotionen, wie von Heine und Hesse beschrieben, die man als Nichteuropäer nur nachempfinden kann, wenn man die Landschaft und die Jahreszeiten selbst erlebt hat. 

(C) LIM YEW KUAN - Runway Nite (2004)

Twilight besteht aus drei Linien – die gesungene Stimme, die Sprechstimme und das Klavier. Schizophren unterbricht die Sprechstimme immer wieder mit Einzelworten, die das Gedicht rückwärts aufbaut. Es ist ein innerlich dramatisches Lied, in dem zwei äußerst unterschiedliche Stimmen sich gegenseitig bekämpfen und im Hintergrund, das leise, jazzige Donnern immer zu hören ist.

 

Wie ein grausamer Albtraum, das letzte Lied Thief in the Night umfasst innerhalb knapper Zeit ein Spektrum von Emotionen, und lässt gnadenlos wenig Zeit alles wahrzunehmen. Dieser Schreck zeigt insbesonders durch die stockende Gesangslinie, die intensiv lauten Pausen, und das gruselige Gepolter vom Klavier. 

Es spiegelt sich in diesen drei Liedern unsere tiefsten Urängste und Sorgen wider – Angst vor der Schattenwelt der Nacht und des Lebens, der Verlust der eigenen Seelenruhe, und der Verlust von Menschen.  Sie stehen im starken Gegensatz zu dem extrovertierten Charakter des nächsten Liedes von Liong Kit Yeng, die auch die einzige Komponistin ist, deren Musik ich beim Konzert vorgestellt hatte. 


DER CHINESISCHE TEIL UNSERER WÜRZEL

|| LIONG Kit Yeng – 垓下歌,  Gesang des Gaixias (2006) ||

(C) LIM HAK TAI - Plum Blossoms (Diese sind Symbole der Kraft und Aufrichtigkeit in der chinesischen Kultur) 

Die Inspiration für das Lied stammt  aus der Qin-Dynastie (206 v.Ch. – 202 v.Ch.), in der der General Xiang Yu, den langjährigen Bürgerkrieg gegen Liu Bang verlor. Aus diesem Sieg konnte Liu Bang die Han-Dynastie begründen. Am Ende dieses Krieges steht Xiang Yu an einem Fluss Namens Gai Xia, spricht aus tiefstem Herzen seinen Schwanengesang, und bringt sich um. Es ist dieser Text, der nicht nur von Liong vertont worden ist, sondern auch u.a in einer Arie einer chinesischen Oper umgesetzt worden ist.

Die poetische Macht der chinesischen Sprache erreicht in Xiang Yus Schwanengesang einen Höhepunkt. Innerhalb von vier kurzen Zeilen wird eine umfangreiche Gefühlswelt erlebt – das Selbstbewusstsein eines gutherzigen Mannes, die Verzweiflung eines Führers, und die Trauer eines Geliebtens. In der Kürze liegt die Würze, so ist dieses Gedicht immer wieder zu bewundern. 

Für Bariton, Geige und Klavier mit zusätzlichem Becken geschrieben, das Lied ist schwungvoll und äußerst mächtig. Voller Sprechgesang, die Stimme imitiert den Ausdruck einer Peking-Oper, währendessen die Geige mit schmutzigen Glissandi und nervösen Tremoli wie eine Erhu – ein chinesisches Streichinstrument - klingen sollte. 

 

Es war sehr berührend zu erleben, wie sich die zwei Sänger Dandu und Uwe um ihre chinesische und hainanesische Aussprachen (für die nächste zwei Lieder) bemüht haben, und mit großen Erfolg :) Spaß hat es uns auf jeden Fall gemacht, gemeinsam die Sprachen zu üben! 


WIEDERBELEBUNG EINER STERBENDEN KULTUR

|| Zechariah GOH – Zwei Hainanesische Gesänge (1996) ||

Zechariah hat hainanesische Vorfahren und ist einer von Wenigen, die heute diese sterbende Sprache immer noch gut können. Hainan liegt an der südlichsten chinesischen Spitze und man könnte die Sprache so gut wie chinesisches Bayerisch ansehen ;)

Laut Tradition sind die Hainaneser mit grellenden, weittragenden Stimme gut zu erkennen und nach meiner Erfahrung stimmt dies fast 100 prozentig. Solche Eigenschaften sind aber oft nur Fassaden und Vertuschung. Manche hainanesische Bekannten lassen z.B. sehr wenig Persönliches von sich wissen und bleiben mir nach vielen Jahren Bekanntschaft immer noch ein Geheimnis. Ihre Persönlichkeiten sind voller Zweideutigkeit und offener Fragen – der Text hier in diesen zwei Liedern, von Zechariah gedichtet, ist also ganz typisch. 

  (C) TAN KAY NGUAN 

(C) TAN KAY NGUAN 

Der Text ist ganz kurz gefasst und jedes Lied besteht jeweils nur aus ein paar Sätzen – 

 

Nr. 1, Na gi du hian: Wenn du bereit wärst, dürftest du bei mir vorbeikommen | um sehr aufmerksam zu zuhören – Aber nur vor der Tür! 

 

Und im zweiten Lied, Du di jia gi de xi gai wear –  

Du bist wie eine wunderschöne rote Blume | Aber eine, die von Dörnchen umgeben ist!

 

Hier geht es also um eine Person, die unerreichbar und unberührbar ist; um eine Liebe, die unerwidert ist. Scharf und nachdenklich, die Lieder lassen uns fragen: geht es um ein persönliches Geschehen? 


FANTASIE + PHILOSOPHIE

|| Jeremiah LI – aus Wonderland Songs (2010) ||

Wir beenden das Konzert mit drei Sätzen aus den Wonderland Songs von Jeremiah Li. Für Sopran, Bratsche, Flöte und Klavier geschrieben, dieser Zyklus ist nach verschiedenen Gedichten aus Alice im Wunderland komponiert, die ihrerseits Parodien und Satiren zu berühmten Gedichten aus der Zeit von Lewis Carroll sind.  Die Leser dieser Zeit hätten sofort verstehen können, welche klassichen Gedichten da parodiert wurden.

 

Im ersten Satz, How doth the little Crocodile (orig. Against Idleness and Mischief von Isaac Watts), nahm Alice gerade den Zaubertrank, aß den Kuchen und bekam aufgrund ihres plötzlichen Schrumpfen und ihrer Vergrößerung  das Gefühl, dass sie ihre Identität verloren hätte. Aus Verzweiflung weint sie und versucht mit einem Gedicht sich wiederzufinden, erinnert aber sich leider nicht an die richtigen Worte. 

  The Mock Turtle

The Mock Turtle


Der zweite Satz, Beautiful Soup ist bereits eine Parodie zu der gespreizten Sentimentalität in Star of the Evening von J. M Sayle. Von der unechten Schildkröte / Mock Turtle gesungen, die die korrekte Art und Wortbetonung des Singens karikiert.  

 

 

Im letzten Satz – Speak roughly to your little boy, lernt Alice die Herzogin in der Küche kennen, wo die Köchin eine pffeferige Suppe kocht. Die Herzogin wiegt gerade ihr Baby, was eigentlich ein Schweinchen ist. Wenn Alice sich über die große Menge Pfeffer beschwert, teilt die Herzogin schreiend mit, wie sie ihr Baby streng erzieht. Carroll mochte keine Jungs, und hat vielleicht deswegen das Original-Gedicht, Speak Gently von G.W Langford, so geändert.    

 
 

Der Autor von Alice im Wunderland, Lewis Carroll, hat ein interessantes Leben geführt, das von Fantasien  umwoben war. Sein echter Name war Charles Lutwidge Dodgson, und war sowohl Mathematiker als auch Diakon in der Kirche. Eine der vielen jungen Freundinnen, die er hatte, wurde zur Inspiration und Muse für Alice im Wunderland – Alice Liddell. Die Erzählungen basieren zum großen Teil auf wahrem Geschehen in Alices Leben und auf der Freundschaft zwischen den Beiden. Manche sind von Dogdson geschaffen, um Alice in der Freizeit zu unterhalten. Philosophische Gedanken, vor allem die über unser Dasein, unsere Identität, die Zeit und die Zahlen, spielen in ihnen eine besondere Rolle. Diese Erzählungen sind  Kindermärchen, die für Erwachsene gedacht sind. 

Ich finde, Li hat solchen Dualismus, Surrealismus und feinen Humor erfolgreich durch den verschieden Charaktern seiner Musik gespiegelt – mit melodramatischen Ausdruckslinien, verschiedenen Stilen wie Musicals, Oper und Rock. Jedes Instrument ist hier gleich berechtigt und beansprucht. Die Lieder fordern ein enges Zusammenspiel und musikalischen Dialog zwischen allen Musikern, und vor allem, dass man den Mut aufbringt, jeden Charakterwechsel so wild unterschiedlich wie möglich zu übertragen.